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HIER BIN ICH HUND Dr. Frank G. Wörner FORSCHUNG UND BILDUNG RUND UM DEN HUND Im Jahre 1969 wurde vom Nobelpreisträger Konrad Lorenz, von Otto König, von Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Eberhard Trumler u.a. die “Gesellschaft für Haustierforschung (GfH) e.V.” gegründet. Diese Gesellschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, der sich schon damals erkennbaren Zersplitterung der Bemühungen im Gesamtbereich der Haustierforschung entgegenzuwirken. Die GfH will ebenso durch Abhalten von Symposien und Schaffung weiterer Diskussionsmöglichkeiten als ein Forum der Begegnung und des Austausches von Erfahrungen zwischen Wissenschaft und Praxis dienen. Forschungsschwerpunkte werden auf die Abstammung, das Verhalten sowie das Studium der Domestikationsprozesse gelegt, wobei man auch bestrebt ist, die Verwandten unserer Haustiere zu erforschen und alte Rassen und Landschläge zu erhalten. Für Hundeleute wichtigster Mitbegründer der “Gesellschaft für Haustierforschung” war der in Wien geborene Nestor der deutschen Kynologie, Eberhard Trumler (1923 - 1991). Er gilt wohl unbestritten als einer der besten Hundekenner. Seine zahlreichen Fachbücher haben ihn international bekannt gemacht. 1979 baute er im nördlichen Westerwald die “Haustierbiologische Station Wolfswinkel” auf. Nach seinem frühen Tod wurde diese einzigartige Forschungsstation nach ihm benannt. Die von ihm begonnenen Arbeiten werden dort weiter fortgeführt: eine der wichtigsten Aufgaben der “EBERHARD TRUMLER-STATION” ist die Erforschung des Sozialverhaltens von Hunden, besonders ihre Entwicklung in den frühen Jugendphasen. Unsere heutigen Haushunde stammen fast ausnahmslos aus Hochzuchten. Aufgrund der Domestikation und gezielten Zucht auf bestimmte Merkmale zeigen sie - neben
gravierenden Veränderungen im Aussehen - nicht mehr die ursprünglichen Verhaltensweisen der Wildhunde. Viele Verhaltensweisen treten bei ihnen verändert oder in abgeschwächter Form auf oder sind überhaupt nicht mehr zu
beobachten, da sie im Verlauf der Zuchtgeschichte verloren gegangen sind. Hieraus ergibt sich, dass man nur durch Untersuchungen an ursprünglichen und wildhundblütigen Tieren das eigentliche und komplette hundliche Verhalten
beobachten kann. Um zu vermeiden, dass das Verhalten einer bestimmten Hunderasse oder aber das Verhalten einer Wildhundart (Wolf, Schakal, Dingo) untersucht wird, nahm Eberhard Trumler gezielt Verpaarungen der verschiedensten Hunderassen mit Wildhundblütigen unter bestimmten Gesichtspunkten und wissenschaftlichen Fragestellungen vor. Durch das Zusammenfügen mehrerer Erbmuster wurden also Tiere für die Forschung verfügbar, die das Grundmuster hundlichen Verhaltens noch aufweisen. Wichtigste Grundvoraussetzung für diese Arbeiten ist die Haltung der Tiere in organisch gewachsenen Familienverbänden - den Rudeln - unter möglichst naturnahen Bedingungen. Hierfür ist die EBERHARD TRUMLER-STATION bestens geeignet: auf einem Gelände von 1,2 Hektar leben in acht reich strukturierten Gehegen die Hunde ganzjährig im Freien und - von Fütterungen abgesehen - ohne Eingriffe durch den Menschen. Im Normalfall sind die Tiere auch weder geimpft noch entwurmt. Ihre robuste Gesundheit lässt sie aber mit Krankheiten und Parasiten problemlos fertig werden. Dem Wissenschaftler ergeben sich ideale Forschungsmöglichkeiten: viele Erkenntnisse der modernen Kynologie, vor allem über die Individualentwicklung und die Entwicklung des Sozialverhaltens wurden hier von Eberhard Trumler gewonnen und konnten in seiner ihm typischen Darstellungsweise einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Durch die Haltungsbedingungen der Hunde in der Geborgenheit eines intakten Sozialverbandes entfalten die Tiere alle ihre ihnen genetisch vorgegebenen Verhaltensweisen und können sie in ihrem sozialen Zusammenleben, bei der Aufzucht und Erziehung der Welpen und der weiteren Organisation ihres Familienverbandes ausleben. Diese Kombination von Leben in naturbelassenen, großräumigen und reich strukturierten Gehegen, natürlichem Futter in Form von Schlachthofabfällen und gelegentlich ganzen Rinderkälbern, ergänzt durch die in den Gehegen wachsenden Kräuter und Beeren sowie das ständige Eingebundensein in die Hierachie des Familienverbandes läßt die Tiere bei bester Gesundheit überdurchschnittlich alt werden; und dies, obwohl sie das ganze Jahr über den sprichwörtlichen rauhen Witterungsbedingungen des Westerwaldes ausgesetzt sind und nur in Notfällen tierärztliche Betreuung erhalten! Im Schnitt leben stets über 100 Hunde in den Gehegen von Wolfswinkel. Eines der Rudel ist den meisten Hundefreunden, die sich ernsthaft mit ihrem Vierbeiner befassen, wohlbekannt. Durch Trumlers Buch “Das Jahr des Hundes” mit seinen hervorragenden Fotos wurde das Rudel der “Scheichs” einem weiten Leserkreis vorgestellt und ist auch derjenige Familienverband, der das größte Interesse der zahlreichen Stationsbesucher anregt. Das Buch wurde 1993 erfolgreich verfilmt. Bei den “Scheichs” handelt es sich um wildhundblütige Mischlingshunde (Wolf-Schakal-Dingo-Nordische Hunde), die in einem felshangseitig gelegenemn und zum Teil bewaldeten Gehege mit Tümpel leben. Die Tiere sind zwar nicht auf den Menschen geprägt, zeigen aber außer dem natürlichen Scheu- und Meideverhalten keine Angst, sodass ihre Verhalten unter optimalen Bedingungen studiert werden kann. Weitere Gehege in Wolfswinkel zeigen u.a. ein großes Rudel von mehr als 30 Pariahunden aus dem Hochland von Iran bzw. Ostanatolien. Hingegen bilden die arabisch-äthiopischen Hunde, ebenfalls der großen und heterogenen Gruppe der Pariahunde zuzurechnen, keine großen Familienverbände. Trotz ihrer Herkunft aus heißen Klimaten ziehen sie ihre Welpen auch bei Eis und Schnee auf. Pariahunde sind für wissenschaftliche Untersuchungen besonders interessant, da diese Tiere eine Zwischenstellung zwischen unseren hochgezüchteten Haushundrassen und ihren noch nicht domestizierten Vorfahren innehaben. In den meisten Fällen sind es Hunde, über die wissenschaftlich noch nicht viel bekannt ist und deren Existenz in ihren Heimatländern äußerst bedroht ist. Neben den laufenden Arbeiten im Gehege der “Scheichs” sind diese Pariahunde im Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses auf der EBERHARD TRUMLER-STATION. Die Station hat natürlich neben den Forschungsaufgaben noch eine überaus wichtige Aufgabe als Informations- und Austauschplattform für Wissenschaftler, Praktiker und ernsthafte Hundeliebhaber. Neben Wochenendführungen bietet die “Gesellschaft für Haustierforschung” auch Informations- und Fortbildungsveranstaltungen für ihre Mitglieder und alle Hundeliebhaber. In Form von internationalen Seminaren und Vortragsreihen berichten jeweils am zweiten Wochenende im September jeden Jahres in Wissen/Sieg hochkarätige Referenten aus der Wissenschaft und erfahrene Praktiker aus ihren Arbeitsgebieten: 1993: DER HUND ALS JÄGER Seit dem Sommer 1995 veranstaltet die “Gesellschaft für Haustierforschung” in lockerer Reihenfolge direkt in Wolfswinkel Tages- und Wochenendseminare, die unter dem merkwürdigen Titel “Der Hund im Bauwagen” bekannt wurden. Diese Seminarreihe mit ganz speziellen Themen und Fragestellungen entstand, als es sich bei den vielen Diskussionen mit den zahlreichen Besuchern der EBERHARD TRUMLER-STATION immer wieder herausstellte, wie groß das Informationsbedürfnis der Hundebesitzer ist, die sich ernsthaft mit der Haltung, Erziehung und auch Zucht ihres Vierbeiners befassen wollen. Die Teilnehmer können ihre Wünsche bzgl. der ReferentenInnen äußern und das sie interessierende Thema des Seminars selbst auswählen. Zumeist handelt es sich um die Bereiche Abstammung und Domestikation des Hundes, Entwicklung des hundlichen Sozialverhaltens, Hundeerziehung in Theorie und Praxis, Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Verhaltensstörungen. Diese Veranstaltungen finden auf dem Gelände der Forschungsstation statt, die Teilnehmer können also neben den theoretischen Ausführungen ihre eigenen Beobachtungen direkt in einem der Gehege machen. Die theoretischen Grundlagen wurden in einem ausrangierten, aber wohl ausgerüsteten Bauwagen (sic!) erarbeitet. Durch die Platzbeschränkung in diesem zünftigen “Hörsaal” war die Teilnehmerzahl auf 12 Personen limitiert. Anfang 1999 konnte dieser Bauwagen durch einen Vorlesungsraum im Stationsgebäude ersetzt werden. Bisher haben zumeist Hundeschulen und -vereine, aber auch Diensthundeführer diese Möglichkeit genutzt. |